
Das Rathaus ist ein exemplarisches Glanzstück jener georgianischen Architektur, welcher Dublin seinen Weltruhm verdankt. Die Kaufmannsgilde lies es zwischen 1769 und 1779 als Königliche Börse erbauen. Der Baupreis betrug 58.000 Pfund und wurde zum größten Teil aus den Einkünften einer öffentlichen Lotterie bestritten. Zum Architekten wurde Thomas Cooley ernannt, nachdem er den ersten Preis der Design-Ausschreibung gewonnen hatte. Sein weitaus berühmterer Kollege, James Gandon, hatte nur den zweiten Preis erhalten. Die Königliche Börse nahm sofort ihren Platz in den ersten Rängen europäischer Architektur ein. Mit ihr wurde der auf dem Kontinent herrschende Neo-Klassische Stil in Irland eingeführt. Eine großartige, von zwölf Säulen getragene, Kuppeldecke krönte die kreisförmige Eingangshalle oder Rotunda, die von einem Rundgang umschlossen war, auf dem sich die Kaufleute im Gespräch ergehen konnten. Ansehen und Prestige Dublins im 18. Jahrhundert spiegelte sich in den monumentalen Ausmaßen und der üppigen Ausstattung wieder; die Säulen-Kapitäle waren das Werk von Simon Vierpyl und alle Stuckarbeiten führte der berühmte Charles Thorpe aus.
Der 'Act of Union' wurde anno 1800 vollzogen und hatte fatale Auswirkungen auf das Dubliner Wirtschaftsleben. Vierzig Jahre später war die Börse buchstäblich stillgelegt. 1851 rettete der Dubliner Gemeinderat das Gebäude durch Ankauf und gab damit der Stadtverwaltung die dringend benötigten Büroräume. Im Zuge des Umbaus unterteilte man den Rundgang, errichtete eine neue Treppe zwischen der Rotunda und den oberen Stockwerken und schaffte Lagerräume mittels der Unterteilung der Gewölbe im unteren Erdgeschoß. Am 30. September 1852 wurde die Königliche Börse während der ersten Sitzung des Stadtrats umgetauft: ihr neuer Name war von nun an Rathaus.
Das Rathaus spielte seine Rolle in der Entwicklung des irischen Nationalbewußtseins. Die Beerdigungsfeiern der irischen Patrioten Charles Stewart Parnell und Jeremiah ODonovan Rossa wurden hier abgehalten. Hier bezogen 1916 die Rebellen Garnison: am Eingangstor erinnert noch heute eine Plackette daran. Hier befand sich auch 1922 vorrübergehend das Hauptquartier der Provisorischen Regierung Irlands unter dem Vorsitz von Michael Collins und von hier aus starteten im August desselben Jahres die Leichenzüge mit den Särgen von Michael Collins und seinem Kollegen Arthur Griffith.
Bis zu seinem Umzug nach Wood Quay in die Neubauten des Dubliner Gemeinderats war das Rathaus das Zentrum der Stadtverwaltung Dublin. Das Rathaus ist auch heute noch der Treffpunkt für die
gewählten Mitglieder des Gemeinderats Dublin, welche am ersten Montag eines jeden Monats in der
historischen Ratskammer zusammentreffen, dem früheren Kaffee-Salon der ehemaligen Königlichen Börse. Der Bürgermeister hält diese Stadtratsitzungen, die auch der Öffentlichkeit nach vorheriger Anmeldung zugänglich sind. Außerdem tagen täglich die verschieden Ausschüsse des Stadtrats im Mitglieder Salon, um Entscheidungen auf allen Gebieten der kummunalen Verwaltung zu treffen.
Der Gemeinderat Dublin (vormals Stadtbehörde Dublin) began 1998 ein ehrgeiziges Restaurierungsprogramm, um dem Rathaus seine ursprüngliche georgianische Struktur zurückzugeben. Drei Hauptideen waren für diese Restaurierung ausschlaggebend: die Steigerung der kommunalen, historischen und architektonischen Bedeutung dieses herrlichen Gebäudes; die Hervorhebung der Gebäudefunktion als Versammlungsort des Dubliner Stadtrats; die Umsetzung des Gebäudepotentials als kulturelle und touristische Hauptattraktion. Nach der Entfernung der im 19.Jahrhundert eingebauten Unterteilungen können Besucher die Rotunda wieder in ihren ursprünglichen Proportionen bewundern. Erstmalig seit 1852 umspielt das wunderbare natürliche Licht wieder den inneren Säulenkranz - ganz wie es in Cooley's Design vorgesehen war. Außen sowie innen hat man allen Portlandstein sorgfältig gesäubert und den fehlenden Stein aus dem selben Steinbruch in Dorset erworben, der den Bauherrn der Königlichen Börse einst belieferte. Die Kuppel als Kernstück der Rotunda wurde ganz und gar wiederhergestellt und mit Goldblatt verziert; ebenso erlangten die beiden exquisiten Steintreppen, welche durch ihr Absinken Schaden erlitten hatten, wieder ihren Original- Freiträger Design. Mit großem öffentlichen Beifall wurde das restaurierte Rathaus am 6. September 2000 wiedereröffnet.
Einige der später geschaffenen Kunstwerke wurden beibehalten und können weiterhin von den Besuchern des Rathauses bewundert werden. Darunter befindet sich eine Reihe von Fresken. Sie wurden in den Jahren 1914 bis 1919 von James Ward, einem Künstler der Metropolitan School of Art, gemalt und stellen Szenen aus der Geschichte Dublins dar. Sie sind eine Rarität; sehr kostbare Werke aus Irlands Kunst & Kunsthandwerk-Bewegung dieser Zeit. Die riesige Uhr mit römischen Ziffern wurde 1981 von der dubliner Firma Gaskins hergestelt. Sie ist eine Nachbildung der Original-Uhr der Königlichen Börse. Der Marmorfußboden unterhalb der Kuppel wurde 1898 nach den Plänen des Stadtarchitekten Charles J.McCarthy verlegt. In der Form eines Kreismosaiks stellt es das Dubliner Stadtwappen dar.
Aber auch für Skulpturen eignet sich die Ambiante der Rotunda. Die älteste Statue stammt aus dem Jahre 1772; es ist Dr. Charles Lucas, Mitglied der Dubliner Stadtversammlung und Verfechter der Städtischen Bürgerrechte. Diese Statue war Edward Smiths erster großer Auftrag und zu den späteren Werken dieses Bildhauers gehört die berühmte Serie allegorischer Flußköpfe, die James Gandons Zollhaus zieren. Eine Statue des großen Redners und Parlamentariers Henry Grattan, von Francis Chantrey, befindet sich am Fuße der westlichen Treppe. Die übrigen drei Statuen sind das Werk von John Hogan: die massive, sechs Meter hohe Daniel O'Connell - Statue hätte eigentlich draußen stehen sollen, wo man den Original-Granitsockel noch besichtigen kann. O'Connel ist der berühmte 'Liberator', der 1829 die Katholische Emanzipation durchsetzte und 1841 Bürgermeister der Stadt Dublin war. Auf der gegenüber gelegenen Seite steht die Statue von Thomas Drummond, der in den 1830iger Jahren Irlands Untersekretär war. Er leitete Polizei-Reformen ein, brachte erstmals die Eisenbahn nach Irland und schaffte das verhaßte 'Tithe'-System ab - eine Besteuerung, die Irlands Bauern ins Unglück gestürzt hatte. Zu Füßen der Statue ist ein Leuchtturm, der an Drummonds Erfindung einer Lampe erinnert, welche der Schiffahrt bei Nebel und diesigem Wetter unentbehrlich werden sollte. Die letzte Statue stellt Thomas Davis dar, den irischen Patrioten, Dichter und Begründer der Zeitschrift NATION. Seine Lieder A NATION ONCE AGAIN und THE WEST's AWAKE erweckte das irische Nationalgefühl und sind auch heute noch sehr populär.
Die herrlichen Gewölbe im unteren Erdgeschoß wurden im Zuge der Renovierung ebenfalls wiederhergestellt. Um die volle Schönheit der Gewölbe-Architektur zum Ausdruck zu bringen, mußten interne Wände entfernt werden und Ziegel-Bögen repariert und mit frischem Kalk verputzt werden. Nun sind die Gewölbe Standort der Multi-Medien Ausstellung: "Die Geschichte der Hauptstadt". Die Ausstellung zeigt die Entwicklung von Irlands Hauptstadt: von den frühesten Anfängen vor der Anglo-Normannischen Invasion 1170 bis zum heutigen Tag. Es wird dargestellt, wie die Stadtregierung sich innerhalb des letzten Milleniums ständig erneuert hat, indem sie manigfaltige äußere Einflüsse absorbierte. Die Geschichte entfaltet sich mit Hilfe von kostbaren Kunstgegenständen und Handschriften aus dem Mittelalter, sie wird weiterhin unterstützt von Computer Interaktiven, Archiv-Filmen, Modellen und Kostümen und darüberhinaus von modernen Kunstwerken, welche zu diesem Anlaß in Auftrag gegeben wurden.